Die Idee


Wie es angefangen hat

Mit Mitte zwanzig durfte ich zum ersten Mal erleben, wie wichtig Erinnerungen aus erster Hand sind. Ich hatte Gelegenheit, einen Film über Menschen zu drehen, die die Jahrhundertwende erlebt hatten. Einige unserer Protagonist/innen waren bereits hundert Jahre alt. Besonders beeindruckt hat mich bei diesem Dreh, in einem persönlichen Gespräch zu erfahren, wie diese Menschen gelebt haben - vor meinen Augen entstand ein lebendiges Zeitzeugnis. Trotz des enormen Altersunterschieds erkannte ich, dass die Träume und Wünsche dieser Herrschaften meinen eigenen gar nicht unähnlich waren. Ich spürte: Ein Filminterview verbindet die Generationen auf besondere Weise und fördert die Kommunikation, da man sofort authentische Antworten erhält, die für immer erhalten bleiben.


Das zweite Schlüsselerlebnis für mein Videoprojekt „Erzähl mal …“ war ein Besuch meines Bruders und meines Cousins Jahre später in Hamburg. Wir sprachen viel über unsere Familie und stellten fest, dass einige unserer Fragen unbeantwortet geblieben waren und auch bleiben würden. Wichtige Fragen, wie der Übertritt unserer Großmutter vom Juden- zum Christentum. Oder wer eigentlich mein Großvater war, den ich nie kennengelernt hatte. Wir konnten uns auch nicht erklären, wo eigentlich das Rezept für den leckeren Maronenkuchen herkam, den unsere Familie immer an Neujahr gemeinsam aß.


2017 bat mich schließlich ein Freund, seinen Vater vor der Kamera zu interviewen. Ein Buch über die Familie war bereits 1974 von einer Großtante geschrieben worden, kürzlich gab es sogar eine Fortsetzung. Aber mein Freund wollte ein lebendiges Porträt seines Vaters besitzen. Nach dem Dreh spürten wir sofort, wie wichtig diese Filmaufnahmen für alle Beteiligten waren: Für den Vater, weil er sein Leben gemeinsam mit seinem Sohn Revue passieren ließ. Für den Sohn, weil es für ihn eine bewegende Reise in die Vergangenheit des Vaters war. Und für mich als Bestätigung meines Filmkonzepts – weil es authentische Berichte und persönliche Momente für die Nachwelt festhält.

Einige Beispiele